Unter Grund / Sous le sol
Eine vertikale Verflechtungsgeschichte / Une histoire d'interdépendances verticales






Eine vertikale Verflechtungsgeschichte / Une histoire d'interdépendances verticales
Die Urteile über Athanasius Kircher (1602–1680) sind widersprüchlich: Während einige ihn als wissenschaftliches Genie betrachten, werfen andere ihm Scharlatanerie vor. Diese Uneinigkeit spiegelt sich sowohl in der Geschichte seines Lebens und Werks als auch in deren Darstellung wider. Mit dem cultural turn in der Wissenschaftsgeschichte, der den Fokus von der Gültigkeit vormodernen Wissens auf die Bedingungen seiner Entstehung und Akzeptanz verlagert, wächst das Interesse an Kircher als bedeutender Figur des 17. Jahrhunderts. Der Essayband untersucht die Bedingungen, unter denen Kircher als Gelehrter im päpstlichen Rom und Jesuit während der „wissenschaftlichen Revolution“ agierte. Die Beiträge analysieren seine Ästhetik der Wissenspräsentation, die Gestaltung seiner Werke im Kontext der barocken Buchkultur, seine Prestige-Strategien sowie das Interesse von Geschichte und Popkultur an ihm als Gegenfigur zur Moderne. Dabei wird Kircher nicht als autonomer Akteur dargestellt, sondern sein Werk als Produkt kultureller und sozialer Faktoren verstanden. Die Widersprüche in den Bewertungen Kirchers bleiben bestehen, tragen jedoch zur Reflexion und zum besseren Verständnis einer Kulturgeschichte des Wissens bei und führen in die faszinierende, exotische Wissenswelt des Athanasius Kircher.
Fragmente einer Geschichte frühneuzeitlichen Wirtschaftens
"Der Markt" gilt gemeinhin als zeitloser und effektiver Mechanismus zum Tausch von Gütern und zur Bildung von Preisen. Dieser Band, der die Ergebnisse des von der DFG geförderten Netzwerks "Das Versprechen der Märkte" bündelt, problematisiert diese Annahme und zeigt, dass Märkte das Ergebnis historischer Praxis sind: Sie entstehen und existieren durch das Marktgeschehen selbst, das weit über die Markttransaktion hinausreicht und durch die jeweilige Gesellschaft geprägt ist. Die Beiträge machen marktbezogene Praktiken von der Frühen Neuzeit bis zum beginnenden 19. Jahrhundert sichtbar und verknüpfen sie transregional vergleichend miteinander. Ausgangspunkte der Sondierungen sind so unterschiedliche Aspekte wie die Gestaltung und Bemessung von Waren, Werbung als Medium, die Begrenzung von Gewinnen oder der Zugang zu Märkten.https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0
Les prix s'envolent! C'est du vol! Du pain!
Das Heft behandelt die kollektive, individuelle, allgemeine und schichtspezifische Wahrnehmung steigender Preise für Waren, des fallenden Werts des Gelds und sinkender Löhne. Phänomene der Teuerung zeigen sich offen oder verdeckt und sie haben unterschiedliche Gründe: von Naturkatastrophen und Missernten über Kriege, fiskal- oder konjunkturpolitische Massnahmen bis zu Güter- und Transportengpässen. Mit Teuerungsschüben sind meistens Veränderungen in der Einkommensverteilung, Preisspekulationen, Vermögensumschichtungen und die Entwertung von bestehenden finanziellen Verbindlichkeiten wie Schulden oder Guthaben verbunden. All das macht die Teuerung stets zu einem sozialen Prozess, der oft auch erhebliche wirtschaftliche, soziale und politische Folgen zeitigt.
Die Fabrikation von Wissen bei Athanasius Kircher
Wer oder was verbarg sich hinter dem Namen Athanasius Kircher S. J.? Anhand der Analyse des gedruckten Œuvre Kirchers, seiner Korrespondenz sowie seiner zahlreichen Wissenspräsentationen nördlich und südlich der Alpen untersucht der Band die Fabrikationsmechanismen der Kircher-Figur und seiner Wissenschaft. Die Studie zeigt, dass es sich bei Kircher nicht nur um einen jesuitischen Gelehrten und Autor zahlreicher Publikationen handelte, sondern um ein mehrhändig betriebenes Unternehmen. Kircher war ein Produkt des Buchmarktes, sein Name fungierte als Markenzeichen für exklusives und spektakuläres Wissen sowie für großformatige und reich illustrierte Bücher. Diese Perspektive ermöglicht eine neue Sicht auf die hinter dem Gelehrten im Verborgenen liegenden Mechanismen der Wissensgenese ‒ und ebenso auf die kollektiv betriebenen Prozesse der Produktion, Zirkulation und Distribution von Wissen. Die räumlichen Bedingungen, die Kirchers Wissen konstituierten, die Netzwerke, in denen es zirkulierte, und die zahlreichen Akteure, die an der Produktion und Vermarktung beteiligt waren, zeigen nicht den strategischen Unternehmer Kircher, sondern eine äußerst dynamische Werkstatt Kircher.
Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert trat der Scharlatan in den europäischen Gelehrtendiskurs ein. Ursprünglich bezog sich der Begriff auf Marktschreier und Verkäufer von Wundermitteln, entwickelte sich jedoch zu einer Figur der polemischen Diffamierung und Gelehrtenkritik. Der Scharlatan repräsentiert nicht nur das Problem des Betrugs, das die Wissenschaften stets begleitet, sondern auch den sozialen und epistemologischen Wandel in der Gelehrtenkultur. Durch die Figur des Scharlatans konnten wissenschaftliche und moralische Ideale formuliert werden, die der theoretischen und methodischen Neuorientierung der Wissenschaften entsprangen und deren Professionalisierung und Institutionalisierung zugrunde lagen. Die intensive Verfolgung und Aufdeckung gelehrter Scharlatanerie verdeutlichte die Exklusionsbereitschaft der Gelehrtengemeinschaft und etablierte sie als die einzige legitime Instanz zur Beurteilung wissenschaftlicher Leistung. Der Band untersucht nicht die Entlarvung oder Rehabilitierung einzelner „Scharlatane“, sondern die Funktion der Figur in sozialen Diskursen über Gelehrsamkeit. Die Beiträge beleuchten den Scharlatan aus verschiedenen Perspektiven der Literatur-, Kunst-, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte und verdeutlichen damit die kulturelle Reichweite dieser Figur sowie ihre Bedeutung für die Entwicklung des neuzeitlichen Wissenschaftssystems.