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Stephan Milow

    Arnold Frank
    Gunter und Siegfried
    Rache
    Die junge Mutter
    • Das Bild vergess' ich nie. Es war am Gardasee im Städtchen Riva, wo ich im Hotel al Sole d'Oro mehrere Monate verbringen wollte. Bald nach meiner Ankunft besuchte ich den kleinen Hotelgarten, der fast leer war, da die Gäste bereits gegessen hatten. An einem Tisch saß eine zarte blonde Frau mit einem etwa sechsjährigen Jungen, die sofort meine Aufmerksamkeit erregten. Ihr jugendlich schönes Antlitz war von stillem Schmerz geprägt, während der Knabe, der offensichtlich gelähmt war, ungeschickt an ihr drängte. Sie fütterte ihn wie ein kleines Kind, und ich bemerkte die trüben, seelenlosen Augen des Jungen, die trotz seiner hübschen Züge eine traurige Ausstrahlung hatten. Die Frau war unablässig mit ihm beschäftigt und wandte keinen Blick von ihm ab. Als er genug gegessen hatte, drückte sie sanft seinen Kopf an ihre Brust, um ihm Ruhe zu gönnen. Ihre Zärtlichkeit und die Ähnlichkeit zwischen ihnen waren offensichtlich. Ich war gebannt von dem Anblick der Mutter, die mit gesenktem Blick ihr schlafendes Kind hielt, während das Licht durch das Blätterdach fiel und eine träumerische Stille herrschte. Nach einer Weile regte sich der Junge wieder, und ich sah, dass er hinkte; sie musste ihn mühsam mit sich fortschleppen.

      Die junge Mutter
    • Rache

      • 26bladzijden
      • 1 uur lezen

      Das Landhaus Neukirchens, ein Hochparterre, zu dem mehrere Stufen hinanführten, stand in einem von einem hohen eisernen Gitter eingefaßten kleinen Ziergarten mit der Hauptfront ziemlich nahe an der außerhalb des Gitters vorbeiführenden Landstraße. Es gab da nicht viele Wohnräume; gleichwohl besaßen die Ehegatten getrennte Schlafgemächer, zwischen welchen sich eine Art Sprech- und Lesezimmer befand. Neukirchen hatte das so eingerichtet, um, wie er sagte, Zoë nicht zu stören, wenn er manchmal von einem Besuche, den er allein gemacht, spät in der Nacht heimkehrte. Knapp an das Herrenhaus schloß sich ein längliches niederes Gebäude, das den Stall und mehrere Gelasse für einen Teil der Dienerschaft enthielt. Das Ganze machte einen bescheidenen, aber sehr anheimelnden Eindruck, und wenn Neukirchen zunächst sein Stall, in welchem vier schöne Pferde standen, alles galt, so guckte Zoë in freudiger Geschäftigkeit überall hin, wo das kleine Anwesen ein wachsames Auge erheischte. Besonders den Garten nahm sie in ihre Obhut Da war ja immer etwas zu tun, und wie gern weilte sie in der schönen Jahreszeit auf ihrem Lieblingsplätzchen unter der großen Linde, die, nur wenige Schritte vom Hause entfernt, die schattigen Äste ausbreitete!

      Rache
    • Gustav Eldrich war man konnte nicht gerade sagen ein Unglückskind, aber er hatte kein Glück. Schon als Knäblein wurde er von seinen Kameraden bei ihren Spielen immer zur Seite geschoben und gar oft geprügelt; auch in der Schule konnte er, so brav er lernte, nicht recht emporkommen, und als er endlich mit ganz guten Zeugnissen über die absolvierte Realschule bei einem Eisenwerke eine Stelle fand, mußte er lange dienen, bis er eine für sein anspruchsloses Dasein halbwegs ausreichende Besoldung erhielt. Wie kam das? War er doch sowohl im Amte fleißig und verläßlich, als auch in jedem Betracht vorwurfsfrei und freundlich gegen jedermann. Da zeigte sich eben wieder die Macht oder vielmehr die Unmacht der Persönlichkeit. Mit seiner kleinen Gestalt und dem übergroßen Kopfe hatte Eldrich etwas Gnomenhaftes, nur daß ihm der lange Bart fehlte. Dabei war sein Gesicht, obwohl durch einen gewissen harmlosen, offenen Ausdruck und die sanften grauen Augen nicht ungefällig, doch höchst unbedeutend und seine Rede leise und einsilbig, wie er sich überhaupt in nichts recht zur Geltung zu bringen wußte. So entging dem ewig Stillen, Fügsamen, nicht nur das, was im Leben mit einer starken Hand oder gar Kralle erstritten sein will, sondern auch dort, wo er erwarten durfte, daß ihm von selbst sein gebührender bescheidener Teil zufallen müsse, kam er gewöhnlich zu kurz.

      Gunter und Siegfried
    • Arnold Frank

      • 44bladzijden
      • 2 uur lezen

      Arnold Frank war als das einzige Kind wohlhabender Eltern in einem kleinen deutschen Städtchen geboren. Sein Vater, früh verwaist und nur mit einem kargen Erbe bedacht, hatte sich durch eigenen Fleiß ein erkleckliches Sümmchen erworben. Er besaß im Städtchen eines der schönsten Häuser, das auf dem Hauptplatze stand und schon von weitem durch ein großes, reich ausgestattetes Gewölbe den Blick anzog. Dort waren rechts und links vom Eingange in zwei großen Glasschränken Zuckerhüte, Fäßchen voll Kaffee, Südfrüchte, Badeschwämme, eiserne Gartenwerkzeuge und alles mögliche sorglich ausgelegt, von oben herab wehten bunte Tücher und Kleiderstoffe, und ganz in der Höhe über all den Herrlichkeiten stand auf einer schwarzen Tafel in großen Goldlettern zu lesen: Adam Frank.

      Arnold Frank