Hubert Fichte zählt zu den vielseitigsten und dadurch herausragendsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur. Zusammen mit seiner Partnerin, der Fotografin Leonore Mau, bereiste er Europa, Nord- und Südamerika und Afrika; die gemeinsamen Erkundungen haben sich in einem umfangreichen dichterischen und fotografischen Werk niedergeschlagen. In diesem Band trägt Wilfried F. Schoeller eine breite Palette an Dokumenten zusammen, die den kulturgeschichtlichen Raum abstecken, in dem sich Fichtes und Leonore Maus Werk entfalten konnte: die junge Bundesrepublik Deutschland mit ihrem Kulturbetrieb, die existenzielle Herausforderung in der Begegnung mit dem Fremden, die Erkundung vielfältiger Milieus von der Prostitution und der schwulen Subkultur bis zum katholischen Kinderheim und der Psychiatrie in Afrika. Durch ausführliche Recherchen hat Wilfried F. Schoeller zahlreiche bisher unbekannte Dokumente entdeckt, die hier zum ersten Mal abgedruckt werden. Neben handschriftlichem Material enthält der Band Fotos und Gemälde, zeigt ethnologische Gegenstände und druckt literarische Texte ab, die das lebens- und werkgeschichtliche Umfeld von Hubert Fichte und Leonore Mau abstecken.
Leonore Mau Boeken



Auf ihren Reisen nach Brasilien und in die Karibik haben sich Hubert Fichte und Leonore Mau mit den afroamerikanischen Religionen auseinandergesetzt und in der Verschränkung von Fotografie und Schrift eine eigene Form der Annäherung gefunden. Zwischen 1974 und 1978 wenden sie sich nun Westafrika zu und bereisen den Senegal, Benin und Togo, wo ihre Aufmerksamkeit dem Ausgangspunkt der afrikanischen Religionen gilt. Sie interessieren sich nicht für die Historie, sondern für die aktuelle Rolle der Religionen, die gerade in der Psychiatrie von Bedeutung ist, wo traditionelle Heilmethoden zusammen mit europäischer Medizin eingesetzt wurden. 1985 haben Leonore Mau und Hubert Fichte ihre Materialien für einen Foto-Text-Band zusammengestellt, der Einblicke in die traditionelle Psychiatrie Westafrikas ermöglicht, Kranke und Heiler porträtiert und mit einem Gang über den Zaubermarkt in Bé (Togo) beginnt. Die eindringlichen Fotos von Leonore Mau werden verschränkt mit Fichtes Aufzeichnungen, Interviews und poetischen Texten. Zu Lebzeiten Fichtes konnte der Foto-Text-Band »Psyche« nicht mehr realisiert werden, er erschien schließlich 2005 in Gedenken an Fichtes 70. Geburtstag.
Hubert Fichte, Die Geschichte der Empfindlichkeit: Der Platz der Gehenkten
Roman - Die Geschichte der Empfindlichkeit
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Der Roman ›Der Platz der Gehenkten‹ ist wohl der wichtigste und schönste der ›Geschichte der Empfindlichkeit‹. Der Marktplatz in Marakesch heißt Djemma el Fna, Platz der Gehenkten. 1970 besuchte Fichte Marokko, am 16. Juli 1985 hat er diesen Roman beendet. Irma und Jäcki trennen sich zum ersten Mal für längere Zeit, so daß Träume und Alpträume Jäcki verfolgen, die ihn in weitere Bewußtseinsschichten führen. Ist Irma nur verreist oder ist sie mit dem Flugzeug verunglückt, das nahe Berechid zerschellte? Hubert Fichte hat diese persönliche Geschichte hineingewoben in die erinnerte Beschreibung jenes Platzes, der für ihn den Eintritt in eine neue Kultur, in die arabische Sprache und in den Koran bedeutete. Kunstvoll und mit auf das Wichtigste reduzierten Sprachmitteln entwirft er die Struktur des Platzes, indem er notiert und aneinanderfügt, was er gesehen und was er gehört hat. So entwickelt er ein Erzählen nach dem Muster der Suren. Schreibend verwandeln sich die Personen und Dinge in Buchstaben, und in der Lektüre der Wörter, Sätze und Szenen entsteht das Bild einer fremden Welt. In dem Roman ›Der Platz der Gehenkten‹ hat Hubert Fichte seinen konstruktivistischen Realismus am weitesten vorangetrieben.