Slagne veje
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Zwei Bücher, ein Leben – dies ist gewiss eines der ungewöhnlichsten Selbstzeugnisse der europäischen Literatur der letzten Jahrzehnte: Peer Hultberg, einer der großen Menschenerzähler Dänemarks, hat in zwei nahezu gleichzeitig entstandenen Büchern versucht, seiner Existenz auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, woher er kam und wie er wurde, der er war. Das eine ist eine Selbstbiografie, die so gar nicht als der stolze Bericht über Geleistetes daherkommt, sondern gedacht und geschrieben ist als ein präzises und unerbittliches Selbstgespräch. Das adoptierte Kind gutbürgerlicher Eltern, der gute Schüler mit seinen rätselhaften Einsamkeitsgefühlen, der Heranwachsende, der seinen Körper zu begreifen versucht und merkt, dass er sich sexuell anders orientiert, als die Eltern es wollen müssen. Das zweite Buch ist ein Brief an die Mutter, der begonnen wurde auf dem Rückweg von ihrer Beerdigung. Für eine Abrechnung scheint es noch zu früh, aber die Mutter-Sohn-Konventionen lösen sich bereits auf. Zwischen der Strenge des Urteils, dem Wunsch, nicht zu verletzen, und der Notwendigkeit, es doch zu tun, und sei es sich selbst, bewegt sich dieser Brief an die tote Mutter.
Ketty Kristina Bang-Hansen, Ruth Iversen, Kirsten Ulldum, Povl Hestlund - das sind nicht einmal eine Handvoll von den über hundert Namen und Figuren, aus dessen Lebensläufen dieses gewaltige Buch komponiert ist. Sie alle leben in Viborg in Dänemark oder sie haben dort gelebt, so wie der Autor, der hier seine entscheidenden Jugendjahre verbracht hat. Aber nichts Autobiografisches hat dieser Roman, denn der Erzähler ist gleichsam die Stadt selbst. Und was da über ihre Einwohner berichtet, ausgeplaudert, aufgedeckt oder einfach geschildert wird, zeigt nichts als von Menschen gelebtes Leben, das, was man normal nennt und doch, wenn es erzählt wird, so erzählt wie hier, den ganzen Eigensinn, die Wünsche, Vergeblichkeiten und manchmal auch Triumphe jedes einzelnen vorführt. So liest sich dieses Buch auch, als habe jemand Balzacs gesamte Comédie humaine in ein Buch komprimiert. Mit seinem frühen Roman „Eines Nachts“ hatte Peer Hultberg sich letzthin auf beeindruckende Weise wieder ins Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit gebracht. „Die Stadt und die Welt“ ist ohne Frage sein Hauptwerk, was in dieser neuen Übersetzung auf glanzvolle Weise sichtbar wird. Ein großer europäischer Autor ist immer noch zu entdecken.
Dies ist tatsächlich ein Familienroman ganz anderer Art. Mit unerhörter Wucht stellt Peer Hultberg ihn mitten unter die zahllosen Beispiele unserer Tage, in denen sich das Drama Familie im Anekdotischen auflöst. Gleich auf den ersten Seiten, als Rudolf Loften seine Wohnung verläßt, sich umblickend, als fürchte er, entdeckt zu werden, ahnt man die ständige Bereitschaft zur Katastrophe. Dabei will er doch nur etwas kaufen. Etwas? Eine Flasche halt, vielleicht auch zwei, warum nicht? Darum nicht, meint seine Schwester Brigit, die ihn zufällig trifft, nein, nicht trifft, die ihn ertappt, im Park, nachdem er die erste Flasche geöffnet und ein paar gute Schlucke genommen hat, er, ihr großer Bruder, der sich doch immer nur für seine griechischen Verben interessiert hat. Hat er? Und sie selbst, die allein lebende Klavierlehrerin, die da auf den Besuch ihres Ehemaligen wartet? Und Kit, die Dritte, die so gut Situierte, warum zieht sie sich so auffällig an, als sie am Abend unauffällig ihr Haus verläßt? Und was ist mit den Eltern, warum wartet ihr Vater im unteren Stockwerk, warum geht er nicht hinauf zu seiner kranken Frau? Sie alle gehen ihre Wege, tun, das sie meinen, tun zu wollen, getrieben von etwas, was ihnen im Nacken sitzt, von einander weg und doch auf einander zu. Es ist an der Zeit, Peer Hultberg als den großen europäischen Autor wahrzunehmen, der er seit langem ist.